Wie soll man etwas verstecken, das sich nicht verstecken lässt?

Der Mut zum offenen Visier,  ist ein logischer und lohnender Schritt!

Ihr Lieben,

wenn ich an die Anfangsjahre meiner Erkrankung zurückdenke, sitze ich hier und muss tatsächlich über mich selbst lachen. Es klingt absurd, aber ich muss wirklich sehr lachen, da ich komischerweise in der Rückblende gar nicht mehr glauben kann, was ich alles veranstaltet habe, um so zu tun, als wäre alles in Butter.  Um es mal subtil zu sagen: Es war die reinste Freakshow – unfassbar, wieviele Meilen ich mir da selbst auf die Lebensuhr gehauen habe, um „normal“ zu wirken.

Ich entschuldige diese Show im Geiste immer damit, dass ich zum dem Zeitpunkt ja dachte, dass alles wieder verschwindet, was im Grunde völliger Käse mit Soße ist. In der Realität wird einem eigentlich sehr schnell selbst klar, dass tägliche, starke Schmerzen, die Jahre andauern, nicht unbedingt normal sind und jeder Mitmensch, der 3% mehr Empathie als eine Anhängerkupplung hatte, auch wusste, dass es mir nicht gut gehen konnte. 

Aber ich habe brav den voll funktionierenden Chris gegeben, obwohl ich teilweise rumlief wie ein Zombie aus Walking Dead, mit tief liegenden Augen und aschfahlem Gesicht. Teilweise dachte ich, dass ich für meine Mitmenschen wirken muss, als würden Sie mich durch ein Fischaugenobjektiv sehen, wie dieser eine Typ bei Hot Shots (wer den Film nicht kennt, ist selbst schuld!).

Die erste Frage ist: Warum macht man das?

Die zweite Frage lautet: Wie schafft man das?  

Nun ja, es gibt ja jede Menge Menschen, die ein ziemliches Paket mit sich rumschleppen. Beim einen sind es schlimme Sorgen, der Nächste hat seelische Probleme, andere chronische Krankheiten (wie in meinem Fall) – die Liste ist endlos.

Was mich aber lange beschäftigt hat: Man kann scheinbar so fertig sein, dass man im Grunde nur noch durchsichtig rumläuft und die Anforderung morgens aufzustehen, dem Iron Man Marathon gleicht. Trotzdem scheint aber irgendeine Zelle übrig zu sein, die nochmal Speicher frei gibt. Ein innerer Sonderspeicher, der dich zum größten Schauspieler aller Zeiten werden lässt und dich zur Höchstleistung pusht.

Wäre es ein Film, könnte der Titel lauten: Ein Mann, stark wie ein Baum. Untertitel: Man nannte ihn Bonsai!

Mir fallen zahlreiche Momente ein, in denen ich den phantastischen Schauspieler gegeben habe und im Hintergrund hätte eigentlich nur noch Freddie Mercury singen müssen: Oh yes, i’m the great pretender….

Leider blieb die Oscar-Nominierung aus und die goldene Himbeere kam auch nicht. Einfach nix. 

Warum man es so macht? 

Meine Theorie ist folgende:

Wir scheinen ein System zu haben, dass alles im Gleichgewicht halten will, das die Situation unbedingt so behalten will, wie sie ist und erstmal vieles ignoriert und noch ausgleicht. Zum einen wollen wir leistungsfähig bleiben, denn der nächste Kollege lauert schon an der Ecke und übernimmt sabbernd und voller Vorfreude die Aufgabe, die du nicht mehr auf die Reihe bekommst.  Zum anderen haben wir bis zu diesem Punkt schon sehr viel investiert, in welcher Form auch immer.  In eine Ehe, in ein Haus, in den Job, in Klamotten, in Hundefutter – weiß der Geier, in was alles. 

Wir haben gegeben und die Investition soll sich gefälligst lohnen und zurückkommen. Deswegen wird alles versucht, den Schein aufrecht zu erhalten. 

Dann kommt noch ein andere Faktor hinzu: Gerede! 

Man will einfach nicht, dass irgendjemand sagt: „Oh man, so ein Weichei, der soll halt mal ein Schnitzel essen, dann geht’s ihm wieder besser. Mir tut auch mal was weh, heul ich deswegen rum? Nein!“

Also geht THE WALL hoch – schützt zum einen, nagt aber an dir, wie der Hund am Knochen.

Wie schafft der Körper das?

Keinen Plan, aber ich stelle es mir so vor:

Wenn wir technische Geräte wären, würde der Akku längst „low“ anzeigen und vielleicht der Virenscanner laufen. Das Gerät hat folgenden Vorteil: Wenn die Energie aufgebracht ist, geht das Teil aus, bleibt stehen oder stellt einfach die Funktion ein. Ende und over…

Beim Menschen ist das nicht so, denn wir haben etwas, das sich Substanz nennt. Wir können aus der Substanz ziehen und noch weiter funktionieren. Wie krass! Wir können daraus richtig viel leisten und z.B. große Schauspieler werden…manchmal brauchen wir die Substanz und es ist absolut gut, sie zu haben. Wenn wir allerdings zu lange daraus ziehen, schädigen wir uns nachhaltig, wie eine alte Vinyl-Platte. 

Wir machen Kratzer und Kerben in unsere Systeme, die manchmal nicht mehr so einfach zu reparieren sind.

Seit mir diese Sache bewusst wurde, was ich da eigentlich tue, fiel es mir plötzlich nicht mehr so schwer, deutlich zu werden und mehr auf mich zu achten – denn ich will keine weiteren Kerben in meiner inneren Schallplatte und meine Substanz behalten.

Im Gegenteil, nach den ersten Momenten machte sich eine Stärke breit, denn es gibt drei Vorteile an der Sache:

  • Du verlierst keine Energie mehr, weil du nicht mehr als „Tom Cruise Light unterwegs“ bist.
  • Du bekommst einen Schub an Selbstvertrauen, da du dich klar ausdrückst und damit Diskussionen erstickst (Kleiner Tipp:  Verwende das Wort „Generell“ hin und wieder – es ist sehr kräftig und lässt kaum Fragen offen ;))
  • Deine Mitmenschen bekommen klare Information von dir und können sie einordnen.

Den letzten Punkt finde ich richtig gut, denn wie soll jemand auf dich reagieren, wenn du offensichtlich nicht okay bist und du ihm sagst: Passt schon, geht schon, wird schon? Ich glaube, dass erzeugt viel Unsicherheit!

Es ist also absolut sinnvoll, diesen Weg zu stoppen und nicht weiter zu verstecken, was man nicht verstecken kann. 

Ich weiß, es hört sich leichter an als es ist, aber probiere es einfach aus.

Fazit:

SICH DURCHZUSETZEN UND KLAR AUSZUDRÜCKEN, BRINGT DIR SELBSTVERTRAUEN, EIN GUTES GEFÜHL UND ES KOSTET DICH PRAKTISCH NICHTS – NUR EIN BISSCHEN MUT! DAFÜR VERLIERST DU ABER EIN PAAR PROZENT LAST.

Habt euch lieb!

Chris Strobler

Chris Strobler

Chris Strobler ist ein Musiker, Comedian und Booking-Agent aus dem fränkischen Bamberg.

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