#6 „Es liegt bestimmt an mir“ – Ähm..nee!

Reflektiert sein

Vor nicht allzu langer Zeit bin ich immer wieder in Situationen gekommen, die mich hinterher an meinem eigenen Verhalten zweifeln ließen. Da war jetzt nix schlimmes dabei. Ich habe keine Omi überfallen und auch nicht die Post vom Nachbarn geklaut. Es ging schlicht um Meinungen. Meinungen sind ja bekanntlich wie Ärsche – jeder hat sie.

Da ich mich regelmäßig selbst hinterfragte und dabei so viele Fragen gestellt habe, dass ich mich am Schluss gefragt habe, was ich eigentlich gefragt habe ?! (OMG), musste ein anderer Ansatz her.

Selbstverständlich ist der Ansatz gegen das, was allgemein überall steht und empfohlen wird (Ja, ich bin ein Punk. No Future und so…). Wenn ich Punk sage, meine ich so richtig Punk. Mit gelben Haaren und einer Ratte auf der Schulter, so wie in den 80er Jahren.

Aber jetzt mal zum Topic.

Wie die meisten von Euch wissen, bin ich von chronischen Schmerzen und dem Fibromyalgie-Syndrom betroffen. Ich sage bewusst nicht „darunter leiden“, da ich nicht leide, sondern mein Leben trotzdem ganz cool finde.

Ich darf trotz dieser fiesen Einschränkungen den Aufgaben nachgehen, die mich erfüllen: Als Musiker auf der Bühne stehen, das Booking für Bands durchführen, Bloggen und mit dem Hund rausgehen. Dabei muss man stets (was für ein Wort, erinnert mich immer an die 3. Klasse – „er war stets bemüht“) aufpassen, was man ja bekanntlich nicht unbedingt macht, wenn eh alles in Butter ist.

Eins steht für mich fest: Wir achten zu wenig drauf. Daran ist nicht der Job schuld und nicht der Kumpel, der dich hängen lässt. Auch der Chef ist nicht schuld oder die Eckfahne am Fussballplatz. Selbst dein Partner hat keine Schuld und auch die AFD kann ausnahmsweise mal nix dazu. Es sind wir selbst, die den Druck machen und uns mit Sachen belasten, bis der Geist am abkotzen ist. Soweit, so übel.

Aber am schlimmsten finde ich tatsächlich, dass man in solchen Phasen oft auch noch anfängt, sich ständig zu hinterfragen. War ich das? Ist das meine Schuld? War ich gerade zu schlecht? Blablablabla….

Mal ehrlich, jeder kennt doch diese Gespräche mit sich selbst oder? (Okay, wenn ich der einzige bin, sagt mit bitte Bescheid, dann sollte ich mit jemanden darüber reden).

Ich kenne mich aus damit, denn ich war absoluter Experte darin, den Grund für alles bei mir selbst zu suchen und selbstverständlich an mir zu arbeiten und mich zu hinterfragen. Reflektiert sein nennt man das. Es ist irgendwie so eine Art Unsitte in der heutigen Zeit geworden, dass man absolut offen und reflektiert sein muss. Jeder Fehler muss unbedingt eingesehen werden, sonst kann man kein besserer Mensch werden.

Laut Google ist man sonst ein Mensch ohne Selbstbewusstsein und leidet unter Selbstablehnung. (Und Dr. Google hat immer Recht!)

Dieses Rad äußert sich bei jedem anderes. Die einen haben Magenprobleme, der nächste erschießt Ziegen und wieder andere verstärken damit chronische Schmerzen, so wie ich.

Meiner Meinung nach gehört es ganz automatisch dazu, dass man sein Umfeld so behandelt, wie man selbst gerne behandelt werden möchte. Wenn man Liebe gibt, bekommt man meist auch Liebe zurück. Wenn man Gutes gibt, bekommt man meist auch Gutes zurück. Keine Frage. Und ja, manchmal gibt man nicht nur Gutes und ist sehr scheiße…mit sich, mit anderen, mit der Kaffeemaschine (Oida, wenn die morgens spackt, dann kann ich die sowas von anschreien).

Mal im Ernst. Fast jeder, der nicht Dr. Hannibal Lecter heisst, ist doch im Grunde immer mit guten Absichten unterwegs oder? Ich bin’s auch und trage teilweise gerne mal den Einkauf von Oma Meume hoch, um Karma-Punkte zu sammeln. Trotzdem bin ich immer wieder auf Menschen getroffen, die dachten, dass ich völlig behämmert sei und ihre Meinung zu allen Themen als die weitaus bessere verkaufen.

Und was machen wir? Wir fragen uns, was wir falsch machen. Was wir ändern müssen. Vielleicht hat er, sie oder es ja Recht? Kann natürlich sein, aber ich fahre mittlerweile besser damit, den Fehler nicht nur bei mir selbst zu suchen, sondern auch mal zu sagen: Hör mal, ich hab es bis hierhin geschafft und bin in keiner Pfütze ertrunken. Ich bin eine eigenständige Person und ein fertiger Mensch und wenn ich mich so umsehe, kann ich so scheiße nicht sein. Vielleicht muss ich gar nichts ändern, sonder du! Die Möglichkeit gibt’s auch.

Deswegen ist man noch lange nicht unreflektiert oder beratungsresistent.

Ich nenne es Selbstbewusst.

Es lohnt sich also, nicht sofort einzuknicken. Haltung bewahren, meine Sicht deutlich zu machen und gleichzeitig die andere zu hören, lässt mich ruhiger schlafen und macht eindeutig weniger Schmerzen.

Achtung. Risiken und Nebenwirkungen des Ganzen: Andere Menschen können denken „der hat doch ein Brett vorm Kopf“.

Ja mei, so ist es eben dann. Die beruhigen sich auch wieder, alles eine Frage der Geduld.

Man kann Dinge anhören und akzeptieren, aber man muss Meinungen nicht teilen und darf es ganz anders sehen.

Ausdrücklich erlaubt. Punkt.

Chris Strobler

Chris Strobler ist ein Musiker, Comedian und Booking-Agent aus dem fränkischen Bamberg.

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