„Blackout“ – der Tag, an dem sich alles verändert hat.

Die Geschichte die du hier zu lesen bekommst, hat sich am 05.03.2016 abgespielt – damals wusste ich noch nicht, was auf mich zukommt und wohin es mich führen würde (u.a. dahin, dass ich diese Geschichte am 29.10.2019 zum ersten mal live vor Publikum gelesen haben – wie wunderbar!). Es handelt sich hier um eine Kopie des Textes, von Abend der Lesung, deswegen findest du am Ende auch noch ein paar Worte, die direkt an das Publikum gerichtet sind. Falls du dich aber vorher fragst, warum ich ein paar Schuhe über diesen Text setze, dann will ich dir sagen, dass du die Antwort in diesem Text findest…

Jetzt aber erstmal der Abend, der alles veränderte.

Viel Spaß beim Lesen. 😘

…Ich liege auf einer Treppe und ein sehr helles Licht bohrt sich in meine Augen.  Im Hintergrund höre ich Subwoofer arbeiten, die einen fetten Bass in den Raum drücken und ein lachendes Publikum reagiert auf irgendwelche Sprüche. Irgendjemand hält meine Hand und sagt etwas, doch ich kann es nicht verstehen und es kommt wie gefiltert bei mir an. Nun bricht die Erinnerung ab.

Eine Weile später setzt meine Wahrnehmung wieder ein. Ich liege am Boden, die Füße hochgelegt, jemand streichelt meine Hand und sagt: „Christian, alles ist gut“. Mir ist eiskalt und ich schwitze gleichzeitig wie verrückt. Langsam wird mir klar,  was hier gerade passiert ist – mein Körper hatte den Stecker gezogen. Er hatte einfach keinen Bock mehr und holte zum ultimativen KO-Schlag aus. 

So beginnt die Geschichte, die zum „Sichtwechsel“ führte. Ein wahnsinnig intensiver und prägender Vorgang, der auf diese zwei Erinnerungs-Brocken zusammengeschrumpft ist.

Rückblende:

Ich stehe mit meiner Band ein paar Stunden vorher beim Soundcheck auf der Bühne – ein Ritual, das alle Bands mehrere Stunden vor  dem Auftritt durchführen. 

Alles verkabeln, die Mikros checken, die In Ears nachstellen, ein Gefühl für die Bühne entwickeln und die Stimmen schonmal in Schwung bringen. Wenn alle Signale stimmen, werden ein paar Stücke angesungen, um den Techniker den Sound einstellen zu lassen und schon mal den „Ernstfall“ zu simulieren. Für Profis eine Pflichtübung, die erledigt wird wie Frühstück machen. 

Hier hatte sich schon angekündigt, dass es heute unter Umständen eng für mich werden würde. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon fünf Tage unterwegs, hatte zwei Mal moderiert, eine Comedy-Show gespielt, Interviews gegeben und heute sollte der Abschluss mit einem A-Cappella Konzert sein – dann war der Sonntag frei.

Dieses Mal war aber schon von Anfang an mein „neuer Tour-Begleiter“ dabei. Dieser Begleiter hatte mich vorher schon oft aufgesucht und mir das Leben versalzen – nun war er aber ein Dauergast geworden: der Ganz-Körper-Schmerz. 

Ich hatte ihn schon tagelange und in jeder Situation dabei und er ging mir ehrlich gesagt ziemlich auf den Sack. Medikamente wollten nicht helfen und es wurde jeden Tag ein Stückchen schwieriger, dieses Monster zu unterdrücken. 

Musikbusiness heißt es so oft: „The Show must go on“ und so nahm ich es auch hin, führte brav meinen Soundcheck durch, um danach etwas zu essen und um 19.00 Uhr den Anzug anzulegen, der ein Ritual startet, um in den Bühnenmodus zu kommen. 

Aber der Modus kam an diesem Abend nicht. Die Schmerzen hatten mich von Kopf bis Fuß im Griff und es war kaum möglich, die Schuhe zu binden. Ich saß am Boden, mit dem Hemd darüber und massierte meine Waden und Kniekehlen. Immer wenn diese Schübe kamen, habe ich das zuerst an diese Stelle gemerkt. Die Beine waren dann einfach nicht mehr gerade zu bekommen – alles schien auf  Vollspannung zu sein. 

Vor so einem Konzert herrscht richtig Alarm, man singt sich ein, wärmt sich auf, geht Momente durch, die man schon tausend Mal gemacht hat und kommt in Stimmung. 

Es wurde langsam Zeit für unser Ritual, kurz vor der Show:  Wir stehen im Kreis, machen irgendeinen Blödsinn und stoßen an. Dann umarmen wir uns und wünschen uns eine gute Show. In diesem Moment musste ich mich ausklinken.

„Jungs, ich glaube, ich muss mich mal setzen“ sagte ich und lege mich in kompletter Montur auf einen Tisch. Irgendwie wollten mich meine Beine nicht auf dem Boden halten, ich konnte nicht stehen. Wie ein Magnet zog sich meine linke Körperhälfte in Richtung Boden – es war nicht zu fassen. In meinem Kopf pochte es und ein stechender Schmerz klopfte an die Stirn. 

Ich musste an diesen blöden Satz aus dem Film „Kein Pardon“ denken:  „Wie wenn einer mit der Kettensäge hinten rein fährt“ – wie beknackt – war wahrscheinlich Teil meiner Selbstberuhigung. 

Um 20.00 Uhr war Showtime und ich ging raus, schließlich saß meine Tochter mit einer Freundin im Publikum und meine Eltern hatten einen schönen Platz. Über 300 Zuschauer warteten auf einen schönen Abend und würden herzlich lachen wollen. 

Es ging los und ich hatte jede Sekunde nur einen Gedanken: Was mache ich gegen diesen elenden Schmerz und wie kann ich überspielen, dass ich einen Kampf gegen die Schwerkraft führe? „Houston, wir haben ein Problem“.

Eine extreme Situation – trotzdem war ich noch in der Lage, meine Parts zu singen. Als A-Cappella Sänger gibt es kein Netz und keinen doppelten Boden – man muss gnadenlos abliefern, da jede fehlende Mini-Silbe sofort auffällt. 

An der dritten Stelle des Sets kam mein erster Leadgesang und in der Spielszene vorher, nahm ich alles nur noch verschwommen wahr. Die Leute lachten über die Witze und es war völlig surreal, da ich nicht mal wusste, was ich da eigentlich sagte –  alles geschah nur noch als reiner Reflex.

Dann begann der Song und ich versuchte mich an den Text zu erinnern, aber da war nichts. Wie ging das nochmal? An dieser Stelle begann ich, irgendetwas ins Mikro zu murmeln. Eine Mischung aus erfundener Babysprache und reinem klingonisch – jedenfalls hatte es nichts mit dem Lied zu tun und erinnerte eher an Gebrabbel. 

Nun war der Moment gekommen: Der Körper kündigte an, dass er jetzt eine Pause nimmt, dass er keinen Bock mehr hat, auf meine Missachtung. In diesem Moment fühlte ich, wie es langsam dunkel wurde und ich gleich umfallen werde. Mit letzter Kraft stoppte ich den Gesang, wankte wie ein besoffenere Party-Boy von der Bühne und dann wurde es dunkel um mich herum….Endstation: Treppe neben der Bühne (Klingt wie ein schlechter SAT1 Film).

Mir war damals noch nicht klar, welche Bedeutung die Situation nun für mein weiteres Leben haben würde. 

Nun war sie nämlich komplett ausgebrochen und angekommen: 

Die chronische Schmerzerkankung, die sich Fibromyalgie nennt. 

Hätte ich vielleicht „Hallo“ sagen sollen? Nun ja, dazu war ich nicht in der Lage, mein Gedanken gingen eher in die Richtung:  „Verpfeif dich hier, ich muss weitermachen!“

Ich war nicht in der Lage, alles aufzunehmen, was um mich herum geschah. Wenn man da so am Boden rumliegt und all die Menschen rotieren sieht, kommt man absolut nicht mit. Es erinnerte mich daran, als es noch Video-Rekorder gab und ich über den schnellen Bildsuchlauf nach vorne spulen musste – alle bewegten sich irgendwie zu schnell und waren nicht in meiner Welt zuhause. Dafür war allerdings jeder sehr liebevoll und alle bemühten sich, mir ein gutes Gefühl zu geben. Eine anwesende Krankenschwester gab mir sogar ein Medikament – es muss irgendetwas Beruhigendes gewesen sein – denn langsam kam mein Grinsen für einen kurzen Moment zurück.

Während die Menschen nach Hause gingen, im Hintergrund nach einen Ersatztermin gesucht wurde und sich alle umzogen, wagte ich den mutigen Schritt und stand auf!

Und dann stand ich da, einfach so. Gerade ohne eine feste Aufgabe und ziemlich wacklig, aber ich stand, auch wenn ich mich wie vom Panzer überrollt fühlte.

Keine 45 Minuten später saß ich zuhause in meinem Wohnzimmer alleine am Tisch und verfolgte das „Sportstudio“.  Alle beteiligten des Abends zogen sich sofort zurück und ich war mit mir alleine. Es war unglaublich! 

Noch während die Gedanken die Scherben des Abends aufkehrten, spürte ich etwas sehr Seltsames: Ich hatte keine Schmerzen! Zum ersten Mal seit Wochen und Monaten war da gar nichts. Mein Gedanke dazu war: „So fühlte es sich also an, wenn man keine Schmerzen hat?“ Ich hatte diesen Zustand bereits völlig verdrängt und wusste gar nicht mehr, was hier eigentlich „normal“ ist. 

Ich genoss diesen Moment sehr ausgiebig und hatte dabei keine Ahnung, was nun folgen würde, denn das „Monster“ würde wieder kommen. 

Es kam bald zurück. Mit gewaltiger Kraft.

Dieses Mistding fraß mich fast komplett auf und hätte mich beinahe verdaut. Die Fahrt begann…

Liebe Zuhörer, dieser Vorfall, der sich im März 2016 ereignete, hat mein Leben nachdrücklich verändert.  In der Folge dieses Abends habe ich tatsächlich nahezu alles verloren, was mir vorher wichtig war und ich kann ganz offen sagen, dass ich nur einen Schritt vor dem Abgrund von der Schippe gesprungen bin. Ich benötigte 18 Monate, um eines Morgens aufzustehen und eine Entscheidung zu treffen. 

Sie lautete:

Ab sofort werde ich mich keine Sekunde mehr zum Opfer machen lassen und nie wieder die Verantwortung für mein eigenes Leben abgeben. Ich möchte ein geiles, erfülltes und schönes Leben führen und wieder mit dem Herzen sehen. Ich werde mit sofortiger Wirkung aufhören, anderen Menschen oder äußeren Umständen die Schuld an meiner Situation zu geben! Ab hier begann eine radikale Umstellung meines Lebens und es kamen all meine Träume und Wünsche zurück, die ich vorher schon begraben hatte. Ich spürte wieder Liebe, Herzlichkeit, Leidenschaft und Dankbarkeit.

Heute führe ich darüber einen Blog, zwei Social Media Kanäle, einen Podcast und versuche Menschen zu helfen, die sich wieder sammeln möchten und Mut suchen.

Denkt immer daran: Jeder Tag ist ein Geschenk, also behandelt ihn so. 

Wenn mich wieder jemand anruft oder kontaktiert, der um Hilfe ruft, nenne ich als erstes immer mein Mantra:

So lange ich morgens selbst aus dem Bett komme, mir mein Brot schmieren kann und in der Dusche nicht ertrinke, gibt es keinen Grund zu klagen.

LoVe

Dein Chris 


P.S. Wenn dir dieser Text gefällt und du dir vorstellen kannst, dass ich ihn auch in deiner Stadt einmal vorlese, dann frage mich gerne. Außerdem findest du diesen Text auch als Lesung in meinem Hörkurs „Sichtwechsel“.

My head explodes, my ears ring
I can’t remember just where I’ve been
The last thing that I recall
I got lost in a deep black hole
Don’t want to find out
Just want to cut out (aus dem Song „Blackout“)

Quelle https://www.lyricfind.com

Songwriter: Rudolf Schenker / Sonja Kittelsen / Klaus Meine / Herman Rarebell

Chris Strobler

Chris Strobler ist ein Musiker, Comedian und Booking-Agent aus dem fränkischen Bamberg.

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